Ich kann nur meinen Lieblingsspruch der Wirtschaftswoche wiederholen: Nichts ist spannender als die Wirtschaft.
ASML ist einer der weltweit größten Maschinenbauer in der Halbleiterbranche. Die Produktion der High-End KI-GPUs läuft zu einem großen Teil auf den optischen Lithographie-Systemen von ASML. Seit einigen Jahren unterliegen diese Maschinen strikten Exportbeschränkungen, die USA haben darauf gedrängt, dass China nicht beliefert wird.ASML ist der Dreh- und Angelpunkt der europäischen Chip-Industrie. In den Niederlanden ist, wenn wir die niederländische NXP hinzu ziehen, das Know-how der europäischen Chip-Industrie konzentriert. Der Chip-Produzent NXP gliederte 2017 seinen im Konzern befindlichen Maschinenbauer Nexperia aus. Nach kurzer Zeit hielt Wingtech aus China die Mehrheit an Nexperia, 2020 wurde Nexperia dann 100%ige Tochter der chinesischen Wingtech.
Die chinesische Wingtech beteiligte sich 2021 an dem britischen Chip-Maschinenbauer Newport-Wafer-Fab aus Wales, doch 2022 wurde diese Beteiligung von der britischen Regierung "aus Sicherheitsgründen" rückabgewickelt. Das war schon ein erster Fingerzeig, dass auch Chip-Unternehmen aus dem Bereich der Massenchips, also nicht nur High-End, politisch mit Argusaugen beobachtet wurden.2023 wurde bekannt, dass Nexperia-Chips in russischem Militärgerät gefunden wurden. Daraus folgerte man, dass die gegen Russland bestehenden Sanktionen von Nexperia über China umgangen wurden.
Im Dezember 2024 landete die chinesische Wingtech schließlich auf einer Sanktionsliste des US-Handelsministeriums, das kritische Unternehmen für die Beziehungen zu China listete. Man ging zunächst davon aus, dass aus dieser Liste direkte Folgen nur für die chinesische Wingtech zu erwarten seien. Doch am 29. September, also vor zwei Wochen, wurden die aus dieser Liste folgenden Beschränkungen auch auf Tochtergesellschaften mit mehr als 50% Anteil ausgeweitet. Somit fallen nun auch die Produkte der 100%igen Tochter Nexperia unter die Handelsbeschränkungen.
Einen Tag später, also am 30. September, beschlossen die Niederlande die Verstaatlichung von Nexperia mit der Begründung, die Versorgungssicherheit von Gütern zu schützen. Kleinchips mit hohem Volumen seien systemrelevant. Der chinesische CEO von Nexperia wurde abgesetzt, das Unternehmen wurde unter "vorübergehende" staatliche Kontrolle gesetzt. Dieser Schritt wurde aber erst am 12. Oktober öffentlich gemacht.
Die Verstaatlichung von Nexperia ist sicherlich nicht der Grund für die Gegenmaßnahmen Chinas, aber bestimmt symptomatisch für die aktuelle Verfassung der Beziehungen zwischen China und den USA. Die Ausweitung der obigen Regel führt dazu, dass auch Beteiligungen von Huawei und SMIC erfasst werden können. Zudem werden strengere Anforderungen an die Offenlegung der häufig sehr komplexen Beteiligungsstrukturen der chinesischen Unternehmen gestellt. Die Entkopplung der chinesischen Wirtschaft vom Westen nimmt immer mehr Form an.
Am 9. Oktober reagierte, und ich behaupte mal, es ist eine Reaktion, China mit der Einführung von erweiterten Ausfuhrbeschränkungen für Seltene Erden. Am 10. Oktober reagierte wiederum US-Präsident Donald Trump mit der Androhung von 100% Strafzoll auf alles aus China.
Seither befinden wir uns wieder in der Rhetorik der Trumpschen Administration, die Anleger schon so häufig in die Irre geführt hat. Finanzsekretär Scott Bessent gibt vollmundig bekannt, dass man China nun härter anfassen werde, ungeachtet eventueller Aktienmarktturbulenzen. Trump selbst spricht davon, dass Präsident Xi einen Fehler gemacht habe und nun nach einem Ausweg suche.Die Aktien von Minenunternehmen, die Seltene Erden außerhalb China beschaffen wollen, schießen in die Höhe. Dabei sind die Seltenen Erden Chinas Trumpf, den Anleger schon seit Monaten erwarten. Hier eine Übersicht über die Kursgewinne seit Jahresbeginn:
MP Materials: +731%
USA Rare Earth: 184%
Critical Metals: 121%
NioCorp Developments: 570%
United States Antimony Corp: 590%
Die Begründungen Chinas und der USA für die jeweiligen Schritte sind übrigens identisch: Die Seltenen Erden bzw. die Chips würden für militärische Anwendungen verwendet. Beide haben recht und so ist die "Eskalation" eigentlich nichts weiter als die Fortsetzung der Entkopplung zweiter Nationen, die sich nicht mehr über den Weg trauen.Nach seinem Erfolg in Israel scheint er nun Rückenwind zu verspüren, auch andere Krisenherde mit gesteigerter Härte anzugehen, wie wir an seinem Vorgehen gegen China sehen. Auch gegen Russland zieht er die Daumenschrauben an. Während die US-Wirtschaft sehr robust dasteht, droht Putin das Geld auszugehen. Am Donnerstag Nachmittag telefonierte Trump schließlich auch mit Putin.
Die für mich wichtige Frage ist: Wer sitzt am längeren Hebel? Nach dem Erfolg in Israel hat Donald Trump Rückenwind. Lassen wir uns überraschen, wie lange der Rückenwind anhält und welche Erfolge er in dieser Zeit verzeichnen wird.
IPO Circle
Anfang Juni ging Circle, der Krypto-Anbieter eines Stablecoins auf den US-Dollar, an die US-Börse. Der Ausgabepreis betrug 31 USD, ich berichtete seither mehrfach über das Unternehmen. Es handelte sich um einen Scheibchen-IPO. So nenne ich einen IPO, der nur mit sehr wenigen der insgesamt ausstehenden Aktien durchgeführt wird. Zudem landete der Löwenanteil der IPO-Einnahmen bei Altaktionären und nicht in der Unternehmenskasse, wie es durch die Ausgabe eigener Aktien eigentlich praktiziert wird.
Das Thema war beliebt, Circle verspricht einen vergleichsweise sicheren Einstieg in die Kryptowelt. Die Nachfrage überstieg die wenigen ausgegebenen Aktien um ein Vielfaches. Vom IPO-Preis von 31 USD stieg die Aktie binnen zwei Wochen auf 298,99 USD. Ich warnte vor dem Einstieg in diese Aktie, da der Aktienpreis bei diesem IPO-Verfahren nicht den Wert des Unternehmens widerspiegelt, sondern lediglich das Resultat des knappen Angebots ist. Seither fiel die Aktie auf zwischenzeitlich 110 USD zurück, aktuell notiert sie bei 134 USD.
Ist damit der Boden durchschritten? Nein, nach nunmehr vier Monaten an der Börse lüften sich eine Reihe von Verkaufssperren. Aktuell sind noch immer nicht einmal 10% der ausstehenden Aktien im freien Handel. Den Rest halten Großaktionäre, die frühzeitig, lange vor dem Börsengang, investierten. Für diese Aktionäre gibt es Sperrfristen, die im Rahmen des Börsengangs vereinbart werden. In dieser Zeit dürfen sie ihre Aktien nicht verkaufen. Diese Sperrfristen sind häufig 3, 6 oder 12 Monate, damit es in der ersten Zeit nach dem Börsengang kein Überangebot gibt.
Der Kursanstieg von 31 auf 198,99 USD war also das Resultat des knappen Angebots. Nun befinden wir uns in der Phase, in der sich das Angebot ausweitet. Häufig läuft der größte Teil der Sperrfristen nach 6 Monaten aus.
Für das laufende Jahr gehen Analysten von einem Umsatz von 2,6 Mrd. USD aus, der Gewinn (EBITDA) soll bei rund 1 Mrd. USD liegen. Der Enterprise Value liegt aktuell bei 30 Mrd. USD. Damit haben wir ein EV/EBITDA von 30. Für das erwartete Umsatz- und Gewinnwachstum von rund 30% ist das gar nicht so teuer.
Mag also sein, dass der Kurs sich auf dem aktuellen Niveau halten kann. Aber wenn noch 90% der Aktien in den Händen von frühen Investoren liegen, dürfte jeder Kursanstieg mit frischen Aktien beantwortet werden, die in den Handel gegeben werden. Ich würde also weiterhin abwarten, bis zumindest 30% aller Aktien in den freien Börsenhandel gegeben wurden.
IPO Ottobock
Ganz anders lief es bei Ottobock, dem weltgrößten Anbieter von Prothesen, der vergangene Woche in Deutschland an die Börse ging. Das Unternehmen wurde von den durchführenden Banken auf einen Wert von 5 Mrd. EUR gesetzt, der Emissionspreis lag bei 66 Euro. Für 500 Mio. EUR Umsatz bei einer Wachstumsrate von 7% ist das ein stolzer preis. Das EV/EBITDA liegt bei 120.
Mit der ersten Euphorie über den seit langer Zeit mal wieder ersten Börsengang sprang die Aktie auf 72 Euro, um seither kontinuierlich gen Süden zu schlittern. Aktuell steht sie bei 65 Euro, und damit unter dem IPO-Preis. Alle Anleger, die diese Aktie zum Börsengang gezeichnet haben, liegen nun also im Minus.
Der Erlös des Börsengangs fließt auch bei Ottobock hauptsächlich an die Eigentümerfamilie, die damit eigene Schulden abbauen möchte, die sie im Zuge des Erwerbs von Ottobock-Aktien vor einem Jahr aufnahm. 15,65% der Aktien befinden sich nun, nach dem Börsengang, im Streubesitz.
Wenn man ein Unternehmen an die Börse bringt, ist es für eine langfristig stabile Beziehung zwischen Unternehmen und Eigentümern (Aktionären) wichtig, dass die Aktionäre zufrieden sind. Mit einem IPO-Preis, der so hoch angesetzt wurde, dass erst einmal alle Aktionäre ins Minus rutschen, wird dieses Ziel nicht erreicht. Sobald die Aktie irgendwann mal wieder in Richtung 66 Euro klettern sollte, werden sich diese enttäuschten Aktionäre von ihren Aktien trennen.
Ganz abgesehen davon, dass mit einem solchen negativen Beispiel der Markt für weitere Börsengänge nicht gerade rosig aussieht. Wer Ottobock gezeichnet hat, der hat gelernt, dass mit dem IPO-Preis die Bewertung erst einmal ausgereizt ist. Beim nächsten IPO wird man sich zurückhalten, wenn die gleichen Halunken, Tschuldigung, Emissionsbanken am Werk sind.
Spekulationsblase
Meine Auflistung der Aktien, die ich in einer Spekulationsblase sehe, hatte vor einer Woche das Interesse einiger Heibel-Ticker Mitglieder geweckt. Hier daher eine fortgeführte Liste inklusive der Kursgewinne seit Jahresbeginn:Quantumcomputer: Rigettii Computing: 188%, D-Wave Quantum: 293%
Krypto: IREN: 509%, Cipher Mining: 266%, CleanSpark: 109%, Eightco Holdings: 349%, BitMine Immersion: 573%, Brera Holdings: 106%
Alternative Energien: Brennstoffzelle: Plug Power: 60%, Bloom Energy: 291%, EOS Energy: 184%, SES AI: 38%
Nuclearenergie: OKLO: 593%, Nuscale Power: 119%, Energy Fuels: 297%
Weltraum: Planet Labs: 264%
... und da habe ich noch gar nicht erzählt, welche KI-News diese Woche verkündet wurden: Oracle bekam vor einer Woche einen Milliardenauftrag von OpenAI. Diese Woche bestellt Oracle 50.000 KI-GPUs bei AMD. ASML, das erwähnte ich oben, veröffentlichte Q-Zahlen, die über den Erwartungen lagen ... und das ohne seine High-End Komponenten nach China verkaufen zu dürfen. Taiwan Semiconductor hob den Ausblick für das laufende Jahr 2025 von 30% auf 35% Umsatzwachstum an. Rene Haas, CEO von ARM Holding, trat auf CNBC mit Meta Glases im Fernsehen auf. Darin seien ARM-Chips enthalten, die eigenständig KI-Modelle nutzen können (Inferencing), ohne Daten über das Internet auszutauschen.
Ich bleibe also bei meiner Einschätzung, dass sich die KI-Revolution noch immer in einem frühen Stadium befindet.
Wochenperformance der wichtigsten Indizes
| INDIZES | 17.10., 14:41 Uhr | Woche Δ | Σ '25 Δ |
| DAX | 23.923 | -1,3% | 20,2% |
| S&P 500 | 6.629 | 1,2% | 12,2% |
| Nikkei | 47.582 | -1,1% | 19,3% |
| Shanghai A | 4.514 | -2,2% | 14,7% |
| Euro/US-Dollar | 1,17 | 0,4% | 12,1% |
| Euro/Yen | 175,63 | -0,1% | 8,0% |
| 10-Jahres-US-Anleihe | 4,00% | -0,03 | -0,51 |
| Umlaufrendite Dt | 2,46% | -0,12 | 0,15 |
| Feinunze Gold | $4.307 | 7,2% | 64,7% |
| Fass Brent Öl | $61,09 | -2,6% | -18,0% |
| Kupfer | $10.647 | 1,2% | 19,5% |
| Baltic Dry Shipping | $2.046 | 5,7% | 105,2% |
| Bitcoin | $105.665 | -4,3% | 12,7% |
Disclaimer: Der Wochenrückblick wurde von Stephan Heibel verfasst, Herausgeber des Heibel-Ticker Börsenbriefes, den Sie unter www.heibel-ticker.de kostenfrei und unverbindlich beziehen können.
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