Davon waren selbst Unternehmen von strukturellen Trends wie der KI betroffen, deren Aktien diese Woche kräftig Federn ließen: Palantir (-9%) bekam das stellvertretend zu spüren, aber auch AMD (-6%) und Dell (-5%). Gleichzeitig wanderten Gelder in zyklische, bewertungsniedrigere Titel, deren Gewinne durch niedrigere Finanzierungskosten kurzfristig steigen könnten. Zalando (+8%), Puma (+9%), Yamaha (+5%) und Caterpillar (+7%) fallen positiv auf.
Mit Veröffentlichung des eher falkenhaften Fed-Protokolls zur Wochenmitte kühlte die Hoffnung auf drei Senkungen ab und die Rotation ließ nach. KI-Lieblinge stabilisierten sich und die „Zinsgewinner” gaben einen Teil der frühen Gewinne wieder her. Doch die heute veröffentlichte Rede von US-Fed Chef Jay Powell schürte die Hoffnung auf drei Zinssenkungen im laufenden Jahr erneut, so dass zum Ende der Woche die Rotation wieder einsetzte.
In diesem Markt zählen weniger Bewertungsspielereien, sondern nur der Blick auf die nächsten 3–6 Monate. Senken die Währungshüter mehr als erwartet, steigen bei konjunkturabhängigen Unternehmen die Gewinnschätzungen; senken sie weniger, verpufft ein Teil dieser Hoffnung. Für viele Highflyer mit Gewinnen „morgen” statt „heute” ändern 0,25% bis 0,75% im Zinsniveau dagegen wenig am kurzfristigen Ertragspfad.
Auffällig legten gerade günstig bewertete Namen ohne nennenswerte Unternehmensmeldungen zu. Das ist ein klassisches Zeichen für Rotationsströme. Niedrigeres Bewertungsniveau, solide Cashflows und das Potenzial für positive Gewinnrevisionen, wenn die Finanzierungsbedingungen sich lockern. Wir haben eine ganze Reihe solcher Titel im Heibel-Ticker Portfolio, in Kapitel 4 liste ich diese Titel für Sie nochmals auf. Selbst innerhalb der Technologiebranche sah man eine Nuance: Qualitäts-Software wie Salesforce (+2%) kann in so einer Phase als „Value im Tech-Gewand” durchrutschen, während die spekulativeren AI-Wetten eher als Gewinnmitnahme-Kandidaten herhalten: CoreWeave, Broadcom, Meta, Vistra und Marvell jeweils -4% bis -7%.
Natürlich gibt auch Nvidia in einem solchen Umfeld ab, -3%. Doch bei Nvidia gibt es derzeit täglich neue Entwicklungen, so dass ich deren Kursentwicklung nicht ausschließlich auf die Zinsgeschichte reduzieren würde.
Nachdem Nvidia seine speziell für den chinesischen Markt gedrosselten H20 KI-GPUs gegen eine Ausfuhrgebühr in Höhe von 15% nach China verkaufen darf, warnt die chinesische Behörde vehement vor dem Kauf dieser Chips: Sie hätten einen "Kill-Switch". Damit bezeichnet man die Möglichkeit, dass sich der Hersteller eine Hintertür eingebaut hat, über die der Chip jederzeit deaktiviert, also nutzlos gemacht werden kann. Der Vorwurf ist nicht neu, doch die chinesischen Behörden pochen um so vehementer darauf, seit sich die Trump-Administration über den H20-Chip lustig gemacht hat: "Wir verkaufen nach China nicht unsere besten, nicht unsere zweitbesten und auch nicht unsere drittbesten Chips, sondern nur gerade solche, um sie von unserer Technologie abhängig zu machen." Dass dies nicht gut in China ankommt, kann man sich denken.
So war Nvidia CEO Jensen Huang auch schon wieder in Washington bei Donald Trump vorstellig und bat um die Genehmigung eines Nachfolgechips zum H20 für den Export nach China.
Zwischenzeitlich widersprechen sich die Berichte über den Wettlauf in Sachen KI zwischen China und den USA. Wir wissen inzwischen, dass DeepSeek keine Revolution Chinas war, sondern eine Weiterentwicklung auf vorgezeichneten Wegen, die mutmaßlich nur durch den verbotenen Einsatz von Nvidia-Chips ermöglicht wurde. Seither ist es still in Sachen Innovationen aus China.
Doch in den Anwendungen liegen die Chinesen nur kurz hinter den USA, sind teilweise sogar progressiver und schneller in der Nutzung der KI. Es bleibt also spannend. Nächste Woche wird Nvidia Q-Zahlen veröffentlichen. Die Erwartungen gehen aufgrund der täglich widersprüchlichen Meldungen weit auseinander.
Doch zurück zum Zinsthema: Einmal im Jahr werde ich an meine Übernachtung im Toyota Camry erinnert. Ich war 19 Jahre alt und schlief auf dem Fahrersitz, während meine Gastmutter die Rückbank nehmen durfte und ein Freund es sich auf dem Beifahrersitz bequem zu machen versuchte. Wir waren von Washington State zum Yellowstone Nationalpark gefahren und hatten das Glück, neben den Geysiren auch noch Elche und sogar einen Bären aus nächster Nähe zu sehen. Völlig erschöpft suchten wir uns abends eine Übernachtung südlich des Nationalparks, in Jackson Hole.
Es war alles ausgebucht, wir klapperten alle Hotels und Motels ab. Schließlich fragten wir einen Polizisten, was denn los sei: Die US-Notenbanker würden ihre jährliche Tagung abhalten, wurden wir informiert. Seither weiß ich um die Bedeutung dieses Treffens, denn die Fed-Gouverneure kommen mit ihrem Beratertross, gleichzeitig stürmen Journalisten den Ort, um wichtige, zinspolitische Strategieänderungen aus erster Hand zu erfahren.
In Jackson Hole wird traditionell die Strategie der Notenbank für die kommenden Monate, teils auch für viele Jahre festgelegt. Soeben verlas Jay Powell seine Schlussfolgerungen, aus denen wir ablesen können, dass er seine falkenhafte (Begriff, mit dem Notenbanker bezeichnet werdend ie eher für höhere Zinsen stehen) Einstellung ein wenig aufweicht.
Die US-Börsen sprangen bereits zur Börseneröffnung aus Freude um 1,5% an. Der DAX sprang mit, bis deutsche Anleger bemerkten, dass niedrige Zinsen in den USA keinen Vorteil für Deutschland bedeuten. So wurden die Gewinne im DAX nachbörslich bereits vollständig wieder abgegeben.
Powell ist seit dem Amtsantritt Donald Trumps im Januar unter Druck: "to-late-Powell" wird er von Trump abwertend genannt: "Zu-spät-Powell". Trumps wünscht sich ein niedrigeres Zinsniveau, um seine Ausgabenflut günstig zu finanzieren. Daraus werde, so sein ökonomisches Kalkül, ausreichend Wachstum entstehen, um eine drohende Inflation einzufangen.
Nachdem die Konjunkturdaten überwiegend Zinssenkungen unterstützen, bleibt Powell inzwischen nicht mehr viel anderes übrig, als tatsächlich etwas taubenhafter (Begriff mit dem Notenbanker bezeichnet werden, die eher für niedrige Zinsen stehen) zu agieren: eine erste Zinssenkung wird nun für Ende September erwartet. Danach könnte es gegebenenfalls noch zwei weitere bis zum Jahresende geben.
Doch Powell interpretiert nun auch die Zahlen des Arbeitsmarktes erstmals kritisch: Die Zahlen am Arbeitsmarkt seien zwar nicht schlecht, doch die Zahl der offenen Stellen gehe parallel zu den Arbeitssuchenden zurück. Damit deutet er an, dass die Arbeitslosenquote nur deswegen niedrig bleibt, weil sich viele Menschen gar nicht arbeitslos melden. Das könne sich sprunghaft ändern, so Powell, und dafür müsse man vorbereitet sein.
Kein Wunder: Trump lässt billige ausländische Arbeitskräfte massenhaft aus dem Land transportieren, die Arbeit muss von anderen getan werden. Die Zahlen allein geben diese Erklärung nicht her und Powell hatte sich bislang stets auf die Zahlen berufen. Ich würde sagen, Trump hat hier einen Achtungserfolg erzielt.
Ohnehin ist Jay Powell inzwischen fast schon eine Lame Duck, wie die Amis einen Amtsinhaber ohne Macht bezeichnen. Anfang nächsten Jahres gibt er seinen Vorsitz ab und es ist zu erwarten, dass Trump einen Nachfolger nominiert, der seine Erwartung an eine lockere Zinspolitik umsetzt. Und ob die Zinssenkungen nun noch in diesem Jahr kommen, oder die eine oder andere erst im neuen Jahr, das spielt am Ende kaum eine Rolle. Am Finanzmarkt ist spätestens seit heute klar, dass die Zinsen kräftig sinken werden. Und das wird nun am Aktienmarkt eingepreist.
Doch die Rotation ist in meinen Augen eine kurzfristige Besonderheit. Denn sinkende Zinsen sind für fast alle Unternehmen vorteilhaft, insbesondere auch die für KI-Highflyer. Zwar werden gerade diese derzeit ausverkauft, weil deren Gewinn in den kommenden Quartalen vom Zinsniveau kaum beeinflusst ist - daher gelten sie als konjunkturunabhängig. Aber langfristig dürften auch KI-Highflyer stark profitieren, denn in den Bewertungsmodellen der Analysten sind die Gewinne der Zukunft enthalten. Diese werden mit dem aktuellen Zinsniveau "abdiskontiert". Es wird ein in der Zukunft erwarteter Gewinn also jährlich um den Marktzins reduziert, bevor er in die Bewertung des heutigen Kurses eingeht. Daraus folgt: Je höher das Zinsniveau, desto weniger sind zukünftige Gewinne heute wert. Rückläufige Zinsen führen also zu einer Anpassung des errechneten "fairen" Wertes eines Unternehmens nach oben. Je mehr dieser Wert auf Gewinnen der Zukunft basiert, desto stärker der positive Effekt.
Die Rotation ist also durchaus typisch für die Erfahrungen der vergangenen Monate: Anleger wollen heute Gewinne erzielen, da die Politik unberechenbar geworden ist und zukünftige Gewinne, egal in welcher Höhe, mit einem zusätzlichen Risikoabschlag aufgrund der erratischen Politik Donald Trumps versehen werden.
Schauen wir mal, wie sich die wichtigsten Indies im Wochenvergleich entwickelten:
Wochenperformance der wichtigsten Indizes
| INDIZES | 22.8., 21:03 Uhr | Woche Δ | Σ '25 Δ |
| DAX | 24.363 | 0,0% | 22,4% |
| S&P 500 | 6.470 | 0,3% | 9,5% |
| Nikkei | 42.633 | -1,7% | 6,9% |
| Shanghai A | 4.378 | 4,2% | 11,3% |
| Euro/US-Dollar | 1,17 | 0,1% | 12,5% |
| Euro/Yen | 172,13 | 0,0% | 5,8% |
| 10-Jahres-US-Anleihe | 4,26% | -0,06 | -0,25 |
| Umlaufrendite Dt | 2,62% | 0,01 | 0,31 |
| Feinunze Gold | $3.372 | 1,0% | 28,9% |
| Fass Brent Öl | $67,83 | 2,6% | -8,9% |
| Kupfer | $9.725 | -0,4% | 9,1% |
| Baltic Dry Shipping | $1.893 | -7,2% | 89,9% |
| Bitcoin | $116.775 | -0,4% | 24,5% |
Disclaimer: Der Wochenrückblick wurde von Stephan Heibel verfasst, Herausgeber des Heibel-Ticker Börsenbriefes, den Sie unter www.heibel-ticker.de kostenfrei und unverbindlich beziehen können.
Wer un- oder überpersönliche Schreib- oder Redeweisen nachmacht oder verfälscht oder nachgemachte oder verfälschte un- oder überpersönliche Schreib- oder Redeweisen in Umlauf setzt, wird mit Lust-, manchmal auch mit Erkenntnisgewinn belohnt; und wenn alles gut geht, fällt davon sogar etwas für Sie ab. (frei nach Robert Gernhardt) Wir recherchieren sorgfältig und richten uns selber nach unseren Anlageideen. Für unsere eigenen Transaktionen befolgen wir Compliance Regeln, die auf unsere eigene Initiative von der BaFin abgesegnet wurden. Dennoch müssen wir jegliche Regressansprüche ausschließen, die aus der Verwendung der Inhalte des Heibel-Tickers entstehen könnten. Die Inhalte des Heibel-Tickers spiegeln unsere Meinung wider. Sie stellen keine Beratung, schon gar keine Anlageempfehlungen dar. Die Börse ist ein komplexes Gebilde mit eigenen Regeln. Anlageentscheidungen sollten nur von Anlegern mit entsprechenden Kenntnissen und Erfahrungen vorgenommen werden. Anleger, die kein tiefgreifendes Know-how über die Börse besitzen, sollten unbedingt vor einer Anlageentscheidung die eigene Hausbank oder einen Vermögensverwalter konsultieren. Die Verwendung der Inhalte dieses Wochenrückblicks erfolgt auf eigene Gefahr. Die Geldanlage an der Börse beinhaltet das Risiko enormer Verluste bis hin zum Totalverlust des eingesetzten Kapitals.
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