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Wochenrückblick 25. März - 29. März 2019

Hin und Her an Märkten und in der Politik ...von Stephan Heibel
Der Schlagabtausch zwischen Wirecard und der Financial Times geht weiter. Eine externe Kanzlei aus Singapur hat das Ergebnis ihrer Untersuchungen zu den Vorwürfen der Financial Times am Wirecard übergeben und Wirecard sieht seine Unschuld damit bewiesen. Es habe zwar gegebenenfalls individuelles Fehlverhalten einzelner Mitarbeiter in Singapur gegeben, doch ohne Wissen der Konzernführung in München und auch vom Volumen her nicht wesentlich. 

Die Aktie von Wirecard war daraufhin um 23% angesprungen. Doch schon wenige Stunden später veröffentlichte die Financial Times die nächsten Vorwürfe: Wirecard kooperiere mit nicht existenten Firmen, um Umsätze mit Schmuddelkunden (Pornoindustrie, Glücksspiel, Dating-Webseiten) zu vertuschen. Solche nicht existente Firmen, drei werden explizit aufgelistet, würden den Kontakt zu den Schmuddelkunden abwickeln, so die Financial Times. 

Wirecard hingegen erklärt, dass man fast die Hälfte, Tendenz rückläufig, des Konzernumsatzes über Kooperationspartner erwirtschafte, weil man häufig die lokalen Lizenzen, die für ein globales Netzwerk erforderlich sind, nicht habe. 

Nun wird von der Financial Times das Geschäft auf den Philippinen untersucht: Dort wird das Büro eines Kooperationspartners von Wirecard in einer Busvermietung gefunden, Froehlich Tours, die einem ehemaligen Wirecard Asien-Pazifik Manager und seiner Frau gehört. Rechnungen an den Kooperationspartner wurden 2015 nach Aussage von der Financial Times von Jan Marsalek, Vorstand von Wirecard, geschrieben. Peng: Während Marsalek dadurch noch kein Fehlverhalten unterstellt werden kann, hat die Financial Times doch schon mal einen Bezug zwischen den Vorwürfen in Asien und der Vorstandsetage in München hergestellt. 

Während Wirecard eine Reihe von Fehlern im niedrigen einstelligen Millionenbereich durch individuelle Verfehlungen für möglich hält, spricht die Financial Times inzwischen von dreistelligen Millionenbeträgen, die als ausstehende Verpflichtungen bei Wirecard gegenüber Kooperationspartnern mit windigem Hintergrund gelistet würden. 

Zum Verständnis: Wirecard hat 2018 2,1 Mrd. Euro umgesetzt. Ein einstelliger Millionenbetrag kann da als Rundungsfehler ausgebucht werden, ein dreistelliger Millionenbetrag ist jedoch als maßgeblich zu betrachten. 

Die jüngste Veröffentlichung der Financial Times bringt Licht in die dubiose Geschichte. Seit Jahren wird versucht, Wirecard dunkle Machenschaften nachzuweisen. Dabei wurde früher stets darauf abgezielt, dass Wirecard Geschäfte mit den Schmuddelbranchen mache. Ich habe mir vor vielen Jahren einmal einen solchen Vorwurf im Detail angeschaut und bin damals zu dem Schluss gekommen, dass die vollelektronische Abwicklung bei Wirecard natürlich ein gefundenes Netzwerk für die Schmuddelbranche ist. Daraus jedoch einen Vorsatz auf Seiten Wirecards abzuleiten und sodann der Vorstandsetage noch zu unterstellen, dies Geschäft wissentlich und systematisch zu betreiben, ist nie gelungen. 

Nun hat man einen Fall von "round tripping" gefunden. darunter versteht man Gelder, die innerhalb eines Konzerns im Kreis gebucht werden und dadurch - ohne ein zugrunde liegendes Geschäft - den Umsatz erhöhen. Auch in diesem Fall ist es bislang nicht gelungen, die Vorstandsetage der Mitwisserschaft zu überführen, wie die Kanzlei aus Singapur diese Woche bestätigte. 

Also zieht die Financial Times nun ein altes Register aus der Schublade, kocht die Vorwürfe der Geschäfte mit der Schmuddelbranche wieder hoch und listet alle Manager auf, die irgendwie davon hätten wissen können. Gleichzeitig versucht die FT das round tripping mit den Kooperationspartnern zu verknüpfen, die für die Schmuddelbranche verantwortlich sind. 

Meine Einschätzung: Von hier bis zum Nachweis eines systematischen Betrugssystems sowie der Mitwisserschaft der Vorstandsetage in München ist es noch ein sehr weiter Weg für die Financial Times. Wenn ich mir jedoch die Kurskapriolen von Wirecard im Zuge dieser Auseinandersetzung anschaue, heute wieder -8%, dann bleibt es bei meiner Empfehlung: Bilanzierungsunregelmäßigkeiten = Verkaufen. Solange diese Geschichte am Schwelen ist, möchte ich nicht als Aktionär mitfiebern, sondern genieße die Position des unbeteiligten Beobachters. 

IPOS BELASTEN AKTIENMÄRKTE 

Heute ist Lyft an die Börse gegangen. Nachdem große Fonds und institutionelle Anleger in den vorangegangenen Tagen Barmittel für die Zeichnung der neuen Anteile generiert hatten, ebbte dieser Verkaufsdruck heute ab und die Aktienmärkte konnten ein wenig steigen. 

Brexit? Handelsstreit mit China? Invertierte Zinsstrukturkurve? Ich habe den Eindruck, die meisten Journalisten sind es inzwischen leid, die stündlichen Wendungen als Sensation und Katastrophe zu verkaufen. 

Irgendwann müssen sich die Profis auf das Geldverdienen konzentrieren und wenn da nun Unternehmen wie Levi's, Lyft, Airbnb, Pinterest und Uber an die Börse gehen, dann sind Brexit, China und Zinsen halt mal zweitrangig. 

Schauen wir mal, wie sich die wichtigsten Indizes vor diesem Hintergrund im Wochenvergleich entwickelt haben: 

WOCHENPERFORMANCE DER WICHTIGSTEN INDIZES 

 
INDIZES 28.3.19 Woche Δ Σ '19 Δ
Dow Jones 25.845  1,0% 12,1%
DAX 11.526  1,4% 9,2%
Nikkei 21.206  -1,9% 6,0%
Shanghai A  3.237  -0,4% 24,0%
Euro/US-Dollar 1,12 -0,6% -1,9%
Euro/Yen 124,33 0,2% -1,5%
10-Jahres-US-Anleihe 2,41% -0,04 -0,33
Umlaufrendite Dt -0,13% -0,06 -0,23
Feinunze Gold $1.295  -1,3% 1,1%
Fass Brent Öl $68,39  3,0% 31,0%
Kupfer 6.338  -2,3% 5,4%
Baltic Dry Shipping 692  -0,4% -45,6%
Bitcoin 4.041  1,1% 3,0%



Das Minus zum Wochenbeginn konnte im weiteren Wochenverlauf mehr als ausgeglichen werden. Dax (+1,4%) und Dow Jones (+1%) schließen mit einem Plus. Nachdem nun in Europa und den USA die Zinspolitik lockerer betrieben wird als noch vor wenigen Wochen erwartet, gewinnt der japanische Yen an Wert (+0,2%). Somit leiden japanische Exportunternehmen gleich doppelt: Zum einen unter der befürchteten globalen Konjunkturabschwächung, zum anderen unter dem hohen Yen, der die Exporte teurer macht. Der Nikkei ist daher diese Woche unter Druck geraten (-1,9%). 

INVERTIERTE ZINSSTRUKTUR LÄSST REZESSION BEFÜRCHTEN 

In den USA ist die Rendite von 10 Jahre laufenden Staatsanleihen seit ein paar Tagen niedriger (2,39%) als die Rendite von 3 Monaten laufenden Staatspapieren (2,43%). Sie bekommen also für kurzfristige Spareinlagen mehr Zinsen als für lange festgelegtes Geld. 

Eine solche Situation gibt es nicht so oft, sie wird dahingehend interpretiert, dass große konjunkturelle Zukunftsängste bestehen, so dass niemand mehr langfristige Planungen eingeht. Und tatsächlich folgte in den drei Fällen während der letzten dreißig Jahre, in denen wir eine invertierte Zinsstrukturkurve zu verzeichnen hatten, innerhalb von 14-24 Monaten eine Rezession. 

Nun ist es einen Aussage, dass eine Rezession drohe. Bei drei Ereignissen in dreißig Jahren lässt sich schon diese Behauptung wunderbar diskutieren, denn aus drei Ereignissen kann man noch lange keine Regel machen. Nicht wenige Volkswirte sind überzeugt, dass wir dieses Mal keine Rezession zu fürchten haben. 

Dann ist es eine weitere Sache, wie sich der US-Aktienmarkt infolge dieser vermeintlichen Hiobsbotschaft verhält. Und schließlich ist es eine noch ganz andere Sache, einen Bezug zwischen der invertierten US-Zinsstrukturkurve und der Entwicklung des deutschen Aktienmarktes anhand des DAX herzustellen. Ich habe den DAX-Verlauf als gelben Berg über die Zinsgraphik gelegt und die Zeitachse entsprechend angepasst. 

In Zeiten der US-Rezession ist durchaus ein fallender DAX zu sehen. Das ist anhand dieser Graphik deutlich zu sehen, denn in den grauen Bereichen läuft der DAX gen Süden. 

Direkt nach dem ersten Unterschreiten der Nulllinie bei der Differenz der beiden US-Zinspapiere ist jedoch nicht unbedingt mit einem Aktienmarkteinbruch in Deutschland zu rechnen. Im Gegenteil, 1990 und auch 2007 und 2008 ist der DAX noch kräftig angestiegen, während die Zinsstrukturkurve invertiert war, bevor dann beim Eintreten der Rezession irgendwann die Richtung drehte. 

Für uns bedeutet dies, das wir nun natürlich sensibel beobachten müssen, wie sich das Rezessionsrisiko entwickelt. Das Rezessionsrisiko ist meiner Einschätzung nach tatsächlich gestiegen, aber noch lange nicht bei 100%. Sollte sich eine Rezession anbahnen, dann müssen wir handeln. Bis dahin jedoch haben wir noch ein wenig Zeit. 

Disclaimer: Der Wochenrückblick wurde von Stephan Heibel verfasst, Herausgeber des Heibel-Ticker Börsenbriefes, den Sie unter www.heibel-ticker.de kostenfrei und unverbindlich beziehen können.

Wer un- oder überpersönliche Schreib- oder Redeweisen nachmacht oder verfälscht oder nachgemachte oder verfälschte un- oder überpersönliche Schreib- oder Redeweisen in Umlauf setzt, wird mit Lust-, manchmal auch mit Erkenntnisgewinn belohnt; und wenn alles gut geht, fällt davon sogar etwas für Sie ab. (frei nach Robert Gernhardt) Wir recherchieren sorgfältig und richten uns selber nach unseren Anlageideen. Für unsere eigenen Transaktionen befolgen wir Compliance Regeln, die auf unsere eigene Initiative von der BaFin abgesegnet wurden. Dennoch müssen wir jegliche Regressansprüche ausschließen, die aus der Verwendung der Inhalte des Heibel-Tickers entstehen könnten. Die Inhalte des Heibel-Tickers spiegeln unsere Meinung wider. Sie stellen keine Beratung, schon gar keine Anlageempfehlungen dar. Die Börse ist ein komplexes Gebilde mit eigenen Regeln. Anlageentscheidungen sollten nur von Anlegern mit entsprechenden Kenntnissen und Erfahrungen vorgenommen werden. Anleger, die kein tiefgreifendes Know-how über die Börse besitzen, sollten unbedingt vor einer Anlageentscheidung die eigene Hausbank oder einen Vermögensverwalter konsultieren. Die Verwendung der Inhalte dieses Wochenrückblicks erfolgt auf eigene Gefahr. Die Geldanlage an der Börse beinhaltet das Risiko enormer Verluste bis hin zum Totalverlust des eingesetzten Kapitals.

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