ARNOLD & PARTNER - Finanz- und Versicherungsmakler

Wochenrückblick 29. August - 2. September 2022

Es ist die Lerche, und nicht die Nachtigall... ...von Stephan Heibel

Aus den Gesprächen mit den Vorständen habe ich eine Menge interessanter Informationen gezogen, die uns für die kommenden Monate einen guten Anhaltspunkt dafür geben, was wir wirtschaftlich und vielleicht auch am Finanzmarkt zu erwarten haben. Vorab eine kurze Einordnung der Vorgänge in der Chipindustrie: 
 

Export-Verbot für einzelne Nvidia-Chips



chipsGestern hat die US-Administration bekannt gegeben, dass zwei Graphikchips von Nvidia mit besonders leistungsstarken Kapazitäten bei künstlicher Intelligenz nicht mehr nach China verkauft werden dürfen. Die High-End Chips könnten vom chinesischen Militär genutzt werden, so die Begründung. Nvidia macht mit diesen Chips 400 Mio. USD Umsatz in China. Insgesamt setzt Nvidia dieses Jahr ca. 7 Mrd. USD um. Es stehen also 6% des Umsatzes im Risiko. 

Die Aktie von Nvidia gab gestern 8% ab, im Kielwasser dieser Entscheidung verloren auch AMD, Intel und Qualcomm jeweils rund 2%. PVA TePla gab 3% ab. Zu Recht, wie ich leider zugeben muss. 

Die Entscheidung kommt für viele völlig überraschend. Natürlich wissen wir schon lange, dass die USA und China einen heftigen Wirtschaftskrieg führen. Und gerade die Chipindustrie ist im Fokus, schauen Sie sich mal die Situation um Taiwan an. Doch die aktuelle Entscheidung zeigt, wie restriktiv die USA inzwischen bereit sind vorzugehen. Das überrascht und verunsichert Wettbewerber, deren Chips gegebenenfalls auch ins Visier der Behörden geraten könnten. 

Wir müssen abwarten, was weiter passieren wird. Dieser Schritt ist - wenn auch auf negative Weise - eine Bestätigung dafür, dass Nvidia die Nase vorn hat bei der Entwicklung von High-End Graphikchips. Gegen den Verkauf von zweitklassigen Chips an China hat die US-Behörde nichts, man kann dadurch seinen Vorsprung bewahren. So ist nachvollziehbar, dass gerade Nvidia als Erstes ins Visier geraten ist. 

Zu allem Unglück kommt das zu einem Zeitpunkt, zu dem Nvidia ohnehin schon mit heftigen Verschiebungen im Markt zu kämpfen hat: Die Nachfrage seitens der Home-Gamer (Spielecomputer) ist nach der Corona-Pandemie stark zurück gegangen. Auch die Nachfrage nach Heim-PCs, um einen Heimarbeitsplatz auszustatten, ist stark rückläufig. Und auch das Krypto-Mining, für das sich die Nvidia-Chips besonders gut eignen, ist aufgrund des Krypto-Winters derzeit sehr schwach. Bevor die Chips der nächsten Generation auf den Markt gebracht werden können, muss Nvidia zunächst noch dafür sorgen, dass die im Vertriebskanal befindlichen, auf Lager liegenden Graphikchips für diesen Bereich an den Mann gebracht werden. 

Im November letzten Jahres notierte die Aktie von Nvidia noch knapp unter 300 Euro, inzwischen ist sie auf 140 Euro gestürzt. Noch immer steht das Kurs/Umsatz-Verhältnis bei abenteuerlichen 12, aufgrund der hohen Gewinnmarge steht das KGV 23e jedoch nur noch bei 25. Wachstumstitel sind vor dem Hintergrund des inflationären Drucks unbeliebt, daher ist die Aktie zum Spielball der Skeptiker geworden. Langfristig jedoch halte ich die Aktie inzwischen für günstig. 

Nvidia hat drei Möglichkeiten, auf das Exportverbot zu reagieren. 

1. Entweder die entsprechenden Chips werden für den chinesischen Markt modifiziert. So etwas hat Nvidia im Jahr 2017 schonmal erfolgreich gemacht, als Krypto-Miner sämtliche High-End Chips aufkauften und somit der Markt der High-End Spielecomputer nicht mehr bedient werden konnte. Es wurden zwei Versionen des Chips entwickelt, die für die unterschiedlichen Bedürfnisse der beiden konkurrierenden Anwendungen optimiert waren. 

2. Alternativ könnte Nvidia seine chinesischen Kunden überzeugen, andere (alte) Chips anstelle der neuesten zu kaufen, die hoffentlich gut genug sind. 

3. Schließlich könnte Nvidia auch mit den Behörden und den chinesischen Kunden zusammen arbeiten, um sicherzustellen, dass die von den chinesischen Kunden gekauften Chips nicht für militärische Anwendungen verwendet werden. 

Keine der drei Möglichkeiten ist einfach umzusetzen. Die Vorgänge zeigen, dass derzeit im Chipsektor viel Gegenwind herrscht. Das zieht sich seit einigen Monaten schon durch sämtliche Chip-Bereiche: der Smartphone-Absatz stockt, PCs und Spielecomputer werden seit Auslaufen der Pandemie nicht mehr so stark nachgefragt, die Digitalisierung der Wirtschaft stockt nun ebenfalls, wie wir dem Quartalsbericht von Adobe entnehmen konnten, weil Kunden vor der drohenden Rezession nun zögerlicher investieren. Auch Salesforce bläst in das gleiche Horn, die Produktzyklen werden durch die Kundenzurückhaltung länger, der Umsatz streckt sich über längere Zeiträume, das Wachstum verlangsamt sich. 

Nun hat selbst Marvell, das vorwiegend Chips für Cloud-Rechenzentren liefert, von Lieferproblemen berichtet und seither werden sämtliche Cloud-Aktien, inklusive Alphabet, Microsoft und Amazon, ausverkauft, obwohl das Problem auf der Angebotsseite bestand, nicht bei der Nachfrage. 

Der letzte gesunde Tech-Bereich ist im Sicherheitsbereich. Security-Aktien haben herausragende Zahlen vermeldet, dennoch konnten deren Aktien nicht zulegen. Die Besten trifft es immer zuletzt. 

In meinen Augen spricht vieles dafür, dass wir das Schlimmste hinter uns haben. Doch ob wir bereits den Boden gesehen haben, oder ob zuvor noch weitere Ausverkaufswellen durchgestanden werden müssen, kann ich nicht einschätzen. 


Nun aber zu den weiteren Vorstandsgesprächen, die ich vergangene Woche Mittwoch und Donnerstag im Rahmen des Hamburger Investorentags führen konnte. 
 

Mobotix

CEO Thomas Lausten und CFO Klaus Kiener konnten mir die Problematik der Chip-Knappheit anschaulich erläutern. Mobotix bietet Kamerasysteme im High-End Bereich an: Indoor, Outdoor sowie Thermal, also Wärmekameras. Das Besondere an den Kameras von Mobotix: Die Bilderkennungslogik ist in der Kamera abgelegt, so dass dieses System auch funktioniert, wenn keine Verbindung zum Internet besteht. Mit diesem besonderen Sicherheitsmerkmal kann sich Mobotix von den Anbietern günstiger Kamerasysteme abheben. 

Natürlich hatte auch Mobotix in den vergangenen Monaten Probleme, alle erforderlichen Teile für ihre Kamera zu bekommen. Da Mobotix "intelligente" Chips in den Kameras verwendet, stellte ich die Frage, wie es zu Verfügbarkeitsproblemen kommen konnte, denn meines Wissens hatten sich Chiphersteller auf die Produktion der intelligenten Chips konzentriert, weil dort die Gewinnmarge größer ist. 

CEO Lausten erklärte mir, dass weniger die intelligenten Chips von Xilinx, die Mobotix verwendet, das Problem darstellten, als vielmehr beispielsweise Kleinteile von Texas Instruments: Kondensatoren und andere Cent-Produkte. Im vergangenen Herbst setzte Texas Instruments die Belieferung plötzlich aus. 

Um die fehlenden Teile zu ersetzen, musste Mobotix auf andere Hersteller zugehen. Doch damit war es nicht getan: Die neuen Kleinteile mussten in die Architektur der Platine der Kamera eingearbeitet werden. Das beginnt mit den unterschiedlichen Maßen, geht über die Betriebssoftware, die ursprünglich für andere Kondensatoren geschrieben wurde, und zieht sich durch bis zur Produktion der Platine, die entsprechend auf die neuen Kleinteile angepasst werden muss. 

Ab Herbst sollen die Lieferengpässe für Mobotix behoben sein, so CEO Lausten. Gleichzeitig gibt er einen Einblick in seine Marktbeobachtung: In den kommenden 12 Monaten werde es auf dem globalen Chipmarkt weiterhin an einzelnen Stellen Knappheit geben. 

Durch die erforderlichen Anpassungen war die Produktion von Mobotix nicht voll ausgelastet, die Kosten sprangen an und so wurden trotz gesunder Nachfrage im Jahr 2021 Verluste eingefahren. Seit November letzten Jahres ist die Aktie von 8 Euro auf nunmehr 3,65 Euro gerutscht. 62 Mio. Euro Jahresumsatz werden mit 48 Mio. Euro Marktkapitalisierung bewertet. 

Großaktionär bei Mobotix ist Konica Minolta aus Japan mit zwei Drittel Anteil am Unternehmen. Über den Vertriebskanal der Japaner verspricht sich das Management eine ausreichende Nachfrage nach den Produkten von Mobotix. Doch das Unternehmen stellt um vom Verkauf der Kameras als einzelne Produkte auf den Verkauf von Systemen inklusive Cloud-Lösungen. 

So gibt es die digitale Erkennung von Brandherden für Förster, die Nummernschilderkennung für die Polizei, Systeme für die Grenzsicherung (Wärmebildkamera) und auch mobile Überwachungskameras für die Polizei. 

Mobotix besticht in meinen Augen durch den hohen Qualitätsanspruch. Allerdings übernehmen immer mehr die günstigen Wettbewerber viele Aufgaben, wo die hohen Ansprüche eben nicht notwendig sind. Mobotix versucht nun, die eigene Lösung für den Massenmarkt anzupassen. Das ist spannend und interessant, allerdings würde ich als Investor erst abwarten, bis sich Erfolge einstellen. Aktuell ist mir ein Investment in Mobotix noch mit zu vielen Ungewissheiten verbunden. 
 

Rock Tech Lithium

Vorstand Dirk Harbecke habe ich bereits vor einem Jahr auf dem Hamburger Investorentag kennen gelernt. Damals klang sein Vorhaben, Europas erste Lithiumhydroxidfabrik zu bauen, abenteuerlich. Seit Jahrzehnten wurde in Deutschland kein solches Werk mehr gebaut. Überhaupt werden in Deutschland seit Jahrzehnten keine neuen Fabriken mehr gebaut. Ein solches Vorhaben ist also durchaus anspruchsvoll, denn es gibt keine Blaupause, sondern lediglich einen Wust von Vorschriften, die in den vergangenen Jahrzehnten den Neubau jeglicher Raffinerien und Konverter verhinderten. 

Vor einem Jahr hatte ich mir eifrig Notizen gemacht. Letzte Woche konnte ich nun abgleichen, ob Dirk Harbecke seinen Plan in die Tat umsetzen konnte. Ich bin überrascht, wie stringent das Projekt voranschreitet. Harbecke erzählt, er habe mit der Stadt Guben (Brandenburg) eine Vereinbarung für den Bau des Lithium Konverters abgeschlossen. In Ratingen sitzen 60 Ingenieure, die an den Genehmigungen arbeiten. Weitere 200 externe Fachleute arbeiten ebenfalls an dem Projekt. 

Im Oktober startet der Bau und Ende 2024 soll die Produktion anlaufen. 500 Mio. Euro wird das Projekt kosten, die Finanzierung wird schrittweise gesichert, je nach Projektfortschritt. Inzwischen haben ThyssenKrupp sowie Mercedes feste Abnahmevereinbarungen mit Rock Tech Lithium abgeschlossen. Mercedes spricht von einer strategischen Partnerschaft. 

Kein Wunder, denn Lithium ist der Engpass bei der Batterieherstellung. Wenn die europäischen Autobauer ihre Fahrzeugflotte auf E-Autos umstellen wollen, brauchen sie sehr viel Lithium. Und vor dem Hintergrund der aktuellen geopolitischen Verwerfungen ist es nachvollziehbar, dass man möglichst zu Hause auf Lithiumproduzenten bauen möchte. 

Harbeckes Projekt trifft also auf einen Markt, der ihm fast jede Produktionsmenge aus der Hand reißt. Der für das Projekt kritische Faktor sind laut Harbecke die Ingenieure, die sich um die Zulassungen kümmern. Da seit Jahrzehnten kein solches Projekt mehr umgesetzt wurde, muss dieser Prozess von der Pike auf neu erlernt werden. 

Ein weiterer Produktionsstandort wird derzeit in Kanada entwickelt. Bis 2030 möchte Dirk Harbecke insgesamt 5 Konverter bauen, vier davon in Europa. Als dritter Standort wird derzeit Rumänien diskutiert. 

Sehr spannend. Mit aktuell einer Marktkapitalisierung von 183 Mio. Euro ist es schwer, das Unternehmen zu bewerten. Gelingt es, wird das Unternehmen zu einem wesentlichen Zulieferer der Automobilindustrie aufsteigen. Die Aktie würde sich vervielfachen. Doch wie so häufig bei hohen Gewinnchancen ist das Risiko ebenfalls groß: Niemand kann mit Gewissheit vorhersagen, ob sämtliche Zulassungen erteilt werden und ob die Fabrik am Ende auch so funktioniert wie beabsichtigt. Die Kostenplanung ist also schlüssig, aber mit vielen Risiken behaftet. 

In jedem Fall lohnt es sich, das Unternehmen im Auge zu behalten. 
 

Pantaflix

Matthias Schweighöfer hält über seine Beteiligungsgesellschaft BlackMars Capital die Hälfte der Aktien der Produktionsfirma Pantaflix. Einen großen Erfolg feierte Pantaflix kürzlich mit dem für Netflix produzierten Film Army of Thieles, ein Prequel zum Zombie-Film Army of the Dead. Der Film wurde wurde in über 90 Ländern ausgestrahlt und sprang über Nacht an die Spitze der Netflix-Hitliste. Ein Erfolg, den Pantaflix sich schwer erarbeitet hat: Die Anforderungen an die Produktion seitens Netflix seien bei einem so internationalen Film ungleich komplexer als bei den bisherigen Produktionen des Filmstudios, so CEO Nico Paalzow. 

So ist die Gewinnmarge nicht sonderlich groß, wenn überhaupt ein Gewinn abfällt: Für die Geschäftsentwicklung stellt CFO Stephanie Schettler-Köhler die Online-Plattform ihres Hauses in den Vordergrund. Einst entwickelt für Expats wird die Plattform nun von Kunden wie Weltbild.de genutzt, um den Kunden, die keine DVDs mehr kaufen, das Streamen zu ermöglichen. Die Plattform ist also eine White-Label Lösung für kleinere Streaming-Dienste. 

Mit einer Marktkapitalisierung von nur 20 Mio. Euro und 50% in der Hand von Matthias Schweighöfer und weiteren 20% in der Hand des Managements gibt es nicht mehr viele Aktien, die frei gehandelt werden. Daher ist dieses Aktie nichts für uns. 
 

Mountain Alliance

Eine weitere sehr kleine Firma ist die Beteiligungsgesellschaft von Daniel Wild. Der Unternehmensgründer hat ein attraktives Portfolio von rund 20 Beteiligungen zusammen gestellt, die in den Bereichen Gesundheit, Arbeit, Leben und Infrastruktur unterwegs sind. Alle Beteiligungen sind profitabel oder kurz vor dem Break Even. 

Ich konnte mit Daniel Wild über einige Beteiligungen sprechen. Im Bereich der Arbeitssoftware als Business-to-Business (B2B) und Software-as-a-Service (SaaS) stellte er mir die folgenden Unternehmen vor: MovingImage bietet das Streamen von Live-Events an. Exasol bietet eine relationale Datenbank im Arbeitsspeicher an, mit der Datenanalysen in Echtzeit erstellt werden können. Mixxt bietet mit dem Produkt Tixxt eine Kollaborationssoftware für Vereine und Organisationen an. Customer Alliance erstellt Hotelsoftware. 

Im Bereich des B2C sprachen wir über AlphaPet, ein Anbieter von Tiernahrung mit 80% Eigenmarken, daher schon jetzt sehr profitabel. Lingoda ist eine Lernplattform, die das 1-zu-1 Lernen ermöglicht, aber auch Kleingruppen unterstützt. 

Start-Ups führen regelmäßig Finanzierungsrunden durch, zu denen sie neu bewertet werden. Nimmt man die aktuellen Bewertungen der Beteiligungen von Mountain Alliance, ergibt sich ein Net-AssetValue (NAV) von 7,34 Euro je Aktie. Die Aktie notiert aktuell jedoch bei 4 Euro, also deutlich unter dem Wert der Summe aller Teile. Wie kommt das? 

Nun, die Beteiligungen von Mountain Alliance sind nicht liquide, lassen sich also nicht so einfach verkaufen. Start-Ups benötigen Zeit bis zur Marktreife und einem eventuellen Börsengang oder einer Übernahme. In dieser Phase ist es schwer, Anteile an andere Investoren zu verkaufen. Daher ist ein Abschlag nachvollziehbar. 

Fraglich ist, wie hoch dieser Abschlag sein muss. Und spannend ist natürlich die Frage, wie viele der Beteiligungen tatsächlich erfolgreich sein werden. Im Gespräch mit Daniel Wild habe ich den Eindruck erhalten, dass er sein Handwerk versteht. Natürlich kann er nicht garantieren, dass jede Beteiligung erfolgreich wird. Doch er achtet stark auf die Profitabilität, auf die Bilanz und die verfügbaren Barmittel seiner Beteiligungen, so dass ich ihm zutraue, mit seiner Auswahl ein gutes Händchen zu haben. 

Spannend fand ich seine Aussage, dass er sich eigentlich noch einen heftigen Crash am Aktien- und Kryptomarkt ... wünscht? Naja, nicht direkt, aber er würde stark davon profitieren, wenn der Finanzmarkt nochmals in turbulente Zeiten gerät, weil er dann neue Beteiligungen günstig aufschnappen könnte. 
 

home24

Im Gespräch mit CFO Philipp Steinhäuser lernte ich, dass der Corona-Effekt im Online-Handel derzeit wieder egalisiert wird. Für home24 bedeutet dies, dass die Nachfrage durch Corona nicht etwa eine Wachstumsbeschleunigung bedeutete, sondern eine Sonderkonjunktur, so etwas wie ein Einmaleffekt, der sich jedoch nicht wiederholt. 

Während der Corona-Pandemie wurden drei mögliche Szenarien für Online-Händler diskutiert: Entweder die Wachstumsbeschleunigung hievt den Umsatz auf ein neues Niveau, von dem aus dann mit den alten Wachstumsraten weiter gewachsen wird. Der Corona-Umsatz wäre dann so etwas wie ein Wachstumsbeschleuniger. Oder aber die Wachstumsbeschleunigung ist vorübergehend und der Umsatz entwickelt sich anschließend wieder auf die ursprüngliche Wachstumslinie zurück. Der Corona-Umsatz wäre dann eine willkommene Sondereinnahme, wenngleich auch nur einmalig. Das dritte Szenario war das düsterste: Man sprach von einem Vorholeffekt. Der Umsatz, der in der Corona-Pandemie gemacht wurde, war dieser Befürchtung zufolge vorgeholt und würde nach der Pandemie zu einem ähnlichen Effekt in die andere Richtung führen, also zu einer Kaufzurückhaltung, weil die Kunden bereits ihren Bedarf für die kommenden Jahre während der Pandemie gedeckt haben. 

Glücklicherweise ist es nicht zum dritten Szenario gekommen, sondern nur zum zweiten. Doch das reicht, um die Aktie in den Keller zu prügeln, denn zwischenzeitlich notierte die Aktie auf einem Niveau, das nur durch das erste Szenario gerechtfertigt worden wäre. Seit Anfang 2021 ist die Aktie von Home24 von 25 Euro auf inzwischen nur noch 2,90 Euro eingebrochen. Auf absehbare Zeit wird Home24 keinen Gewinn abwerfen, daher ist die Aktie vor dem Hintergrund des Inflationsdrucks derzeit völlig unbeliebt. 

Dabei hat das Unternehmen wichtige Schritte unternommen, um sich besser aufzustellen: Eigenmarken machen derzeit ca. 20% der Artikelanzahl aus, erwirtschaften aber 50% des Umsatzes und tragen die höchsten Margen. Das Geschäft mit Kleinartikeln von Drittanbietern ist ein durchlaufender Posten mit geringen Margen, die Artikelanzahl macht 80% aus, der Umsatz damit jedoch nur 50%. 

Das führt dazu, dass die Lagerhaltungskosten vergleichsweise gering sind. Ich habe CFO Steinhäuser auf die Problematik des Bullwhip-Effekts angesprochen: Inflationäre Zeiten führen abwechselnd zu leeren Lagern, Preiserhöhungen und Vergrößerung der Lagerhaltung, was wiederum zu überfüllten Lagern und Preissenkungen führt. Konsumenten reagieren schneller auf Preisänderungen, als Einzelhändler ihr Angebot anpassen können. 

Da Home24 jedoch nur einen geringen Anteil von teuren Produkten hat, lassen sich diese im Zweifel auch mal länger lagern, bis sich das Preisniveau wieder erholt hat. Die Artikel von Drittanbietern sind durchlaufende Posten, die schnell genug umgeschlagen werden, um in diesem Bereich auf entsprechende Nachfrageschwankungen gut reagieren zu können. 

Auf den Inflationsdruck reagiert Home24 laut CFO Steinhäuser mit eigenen Logistikprojekten. So werden inzwischen 50% der Artikel durch Home24 selbst ausgeliefert. Auch die Marketingaufwendungen lassen sich sehr kurzfristig gut steuern. 

Eines gab Steinhäuser jedoch zu: Die Modelle der künstlichen Intelligenz (AI), mit denen Home24 Prognosen für die nAchfrage nach einzelnen Produkten erstellt, lassen an Genauigkeit zu wünschen übrig, wenn die Märkte volatil sind. 

Für mich hört sich das alles recht gut an. Doch aktuell ist nicht in Sicht, wann Home24 profitabel wird. Die Wachstumsraten von 7-8%, später auch wieder 15-20% im Wert der umgeschlagenen Waren machen Home24 zwar zu einem Wachstumsunternehmen. Doch derzeit suchen Anleger nicht nach Wachstum um jeden Preis, sondern vorzugsweise nach profitablen Wachstum, wenn das dann auch etwas geringer ausfallen mag. 
 

Drägerwerk

Sicherheit und Verlässlichkeit wird groß geschrieben bei Dräger. Kein Wunder, denn zwei Drittel des Umsatzes wird mit Geräten für die Intensivmedizin gemacht. Sie erinnern sich sicherlich an die 10.000 Beatmungsgeräte von Dräger, die von der Bundesregierung während der Corona-Pandemie bestellt wurden. Abgenommen wurden letztlich nur wenige Tausend, die Bundesregierung trat später von der Bestellung zurück und ermöglichte es Dräger somit, die dringend benötigten Beatmungsgeräte in andere Teile der Welt zu liefern. 

Das verbleibende Drittel Umsatz wird mit Sicherheitstechnik für die Feuerwehr, für die Öl- und Gas-Industrie, die Chemie und den Rohstoffsektor erwirtschaftet. 

Im Gespräch mit CFO Gert-Hartwig Lescow erfuhr ich, dass die Auftragsentwicklung im Konzern sehr erfreulich ist. Es gebe keinen Überhang an Beatmungsgeräten im Markt, so Lescow. Der Corona-Push war für Drägerwerk also ein willkommener Sondereffekt. 

Allerdings kann Dräger die Nachfrage derzeit kaum bedienen, da wichtige Vorprodukte fehlen. Wir kennen die Thematik der abgerissenen Lieferketten und knappen Komponenten. Dadurch gebe es inzwischen mehr Vorprodukte auf Lager, mangels fehlender Bauteile können aber viele Produkte nicht fertig gestellt werden, es kommt zu Leerständen in der Fertigung und letztlich auch zu Umsatzverschiebungen in die Zukunft. 

Für das zweite Halbjahr erwartet CFO Lescow eine Entspannung dieser Situation, die Staus würden sich langsam auflösen. Allerdings werde man nur den unteren Bereich der ausgegebenen Unternehmensprognose erreichen. 

Ich fragte Lescow nach der Möglichkeit, die inflationären Kosten an den Kunden weiterzureichen. Tesco erklärte mir, dass die Kunden von Drägerwerk häufig Einkaufsgemeinschaften seien, wie bspw. in den USA die dortigen Krankenkassen. Mit denen bestünden langfristige Vereinbarungen, so dass sich Preisänderungen nur sehr langsam umsetzen lassen. Sprich: In der Zwischenzeit trägt Drägerwerk die höheren Produktionskosten zu Lasten der Gewinnmarge. 

Ich fragte auch nach der Möglichkeit, fehlende Teile bei anderen Lieferanten zu beziehen. Wir kennen die Problematik von Mobotix (siehe oben). Auch bei den Produkten von Drägerwerk ziehen veränderte Bauteile Designänderungen nach sich, die, insbesondere aufgrund der hohen Sicherheitsanforderungen inklusive der jeweiligen Zulassung der Produkte auf den verschiedenen Märkten, sehr aufwendig sind. Stattdessen würde dann lieber das Working Capital hochgefahren, zu deutsch: Es werden mehr Vorprodukte auf Lager gelegt. 

3,3 Mrd. Euro Umsatz werden mit 404 Mio. Euro Marktkapitalisierung bewertet. Weitere 550 Mio. Euro an Verbindlichkeiten führen zu einem Enterprise Value von 954 Mio. Euro. Im Verhältnis zum Umsatz ist das sehr wenig und deutet auf eine sehr geringe Gewinnmarge. Obwohl lang laufende Verträge eine gute Planungssicherheit geben, schafft es das Unternehmen nicht, eine attraktive Gewinnmarge zu realisieren. 

Immerhin wird die Gewinnverwendung optimiert: Das Unternehmen hatte mal Genussscheine ausgegeben, die zu einer besonders hohen Gewinnbeteiligung in Abhängigkeit der Dividende berechtigten. Diese Genussscheine verhinderten eine attraktive Dividende. Doch zum Jahreswechsel wird die letzte Tranche dieser Genussscheine durch Drägerwerk zurück gekauft. CFO Lescow erwartet eine "Gewinnverdichtung" (ich glaube er meint damit Gewinnanstieg je Aktie) von 30%. Dies soll auch an die Aktionäre weitergegeben werden. Schon für das Jahr 2023 erwarten Analysten daher einen Sprung der Dividende von 25 auf 92 Cent je Aktie, was jedoch noch immer einer Dividendenrendite von nur 2% entspricht. 

Mit Siemens und General Electric misst sich Drägerwerk mit großen Wettbewerbern. Der Preisdruck ist offensichtlich sehr groß und ich beobachte bereits seit vielen Jahren, dass die Gewinnmarge bei Drägerwerk nicht wirklich attraktiv ist: vor Corona betrug sie 2,4%, während der Pandemie sprang sie auf 11,6% und 8,2%, doch im laufenden Jahr ist sie sogar ins Minus gerutscht (1. HJ -8,6%). Preiserhöhungen lassen sich nur langsam durchsetzen. In Sachen Kosteneinsparungen ist das Unternehmen offensichtlich zugunsten der Vertragstreue und hohen Qualitätsstandards sehr zurückhaltend. 

Auf der Intensivstation würde ich mich also sofort den Geräten von Drägerwerk anvertrauen. Als Anleger schaue ich mich jedoch nach lukrativeren Aktien um. 

Schauen wir uns mal an, wie sich die wichtigsten Indizes im Wochenvergleich entwickelt haben: 
 

Wochenperformance der wichtigsten Indizes



 
INDIZES 1.9.22 Woche Δ Σ '22 Δ
Dow Jones 31.734  -3,5% -12,7%
DAX 12.972  -0,1% -18,3%
Nikkei 27.651  -3,5% -4,0%
Shanghai A  3.339  -1,5% -12,5%
Euro/US-Dollar 1,00 0,2% -11,6%
Euro/Yen 140,53 2,4% 7,5%
10-Jahres-US-Anleihe 3,23% 0,20 1,72
Umlaufrendite Dt 1,47% 0,24 1,75
Feinunze Gold $1.714  -1,5% -6,1%
Fass Brent Öl $94,02  -5,3% 19,3%
Kupfer $7.592  -8,5% -21,6%
Baltic Dry Shipping $1.002  -10,8% -54,8%
Bitcoin $20.339  -2,1% -56,7%


Disclaimer: Der Wochenrückblick wurde von Stephan Heibel verfasst, Herausgeber des Heibel-Ticker Börsenbriefes, den Sie unter www.heibel-ticker.de kostenfrei und unverbindlich beziehen können.

Wer un- oder überpersönliche Schreib- oder Redeweisen nachmacht oder verfälscht oder nachgemachte oder verfälschte un- oder überpersönliche Schreib- oder Redeweisen in Umlauf setzt, wird mit Lust-, manchmal auch mit Erkenntnisgewinn belohnt; und wenn alles gut geht, fällt davon sogar etwas für Sie ab. (frei nach Robert Gernhardt) Wir recherchieren sorgfältig und richten uns selber nach unseren Anlageideen. Für unsere eigenen Transaktionen befolgen wir Compliance Regeln, die auf unsere eigene Initiative von der BaFin abgesegnet wurden. Dennoch müssen wir jegliche Regressansprüche ausschließen, die aus der Verwendung der Inhalte des Heibel-Tickers entstehen könnten. Die Inhalte des Heibel-Tickers spiegeln unsere Meinung wider. Sie stellen keine Beratung, schon gar keine Anlageempfehlungen dar. Die Börse ist ein komplexes Gebilde mit eigenen Regeln. Anlageentscheidungen sollten nur von Anlegern mit entsprechenden Kenntnissen und Erfahrungen vorgenommen werden. Anleger, die kein tiefgreifendes Know-how über die Börse besitzen, sollten unbedingt vor einer Anlageentscheidung die eigene Hausbank oder einen Vermögensverwalter konsultieren. Die Verwendung der Inhalte dieses Wochenrückblicks erfolgt auf eigene Gefahr. Die Geldanlage an der Börse beinhaltet das Risiko enormer Verluste bis hin zum Totalverlust des eingesetzten Kapitals.

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