Ich habe nie einen Hehl daraus gemacht, dass ich die Methoden von Donald Trump katastrophal finde. Doch seine Ziele kann ich nachvollziehen und solange mir kein besserer Weg einfällt, diese Ziele zu erreichen, halte mich mich mit Kritik zurück.Wer das tatsächliche Ziel seiner Politik verstehen möchte, der muss sich mit Stephen Miran beschäftigen. Der 45 Jahre alte Ökonom ist Chef-Wirtschaftsberater von Donald Trump. Er wird häufig als geistiger Vater der aktuellen Zollpolitik genannt, da er in einem "viel beachteten" Aufsatz einen 3-Stufenplan entwickelt habe, dessen Ziel über 1. Chaos bei Zöllen und 2. Deals, Deals, Deals dann 3. ein internationales Abkommen zur Schwächung des US-Dollars steht.
Wer die Details nachlesen möchte, kann Stephen Mirans Artikel "A User’s Guide to Restructuring the Global Trading System" vom November 2024 auf 41 Seiten hier nachlesen.
Ich habe ein wenig nachgerechnet: Das große Handelsbilanzdefizit der USA mit der EU ist Donald Trump ein Dorn im Auge, es führe zu einem schwachen US-Dollar. Europäische Kritiker verweisen auf den Handelsbilanzüberschuss im Bereich der IT-Dienstleistungen, insbesondere Cloud und KI. Tatsächlich bleibt unterm Strich, wenn man beides verrechnet, ein vernachlässigenswertes Defizit.
Dieser Umstand ändert jedoch nichts an der Kritik Mirans, dass der US-Dollar zu hoch bewertet sei. Die US-Wirtschaft habe sich flexibel auf den Nachteil der überteuerten heimischen Währung eingestellt und verfügt daher über einen starken IT-Sektor. Es bleibt aber der Niedergang des Industriesektors aufgrund des unnatürlich hohen US-Dollars. Der US-Dollar wird als Weltwährungsreserve stärker gesucht als andere Währungen, sei daher überbewertet, was nachteilig für die US-Industrie im internationalen Wettbewerb ist.
Ziel der Trump-Administration ist daher einzig und allein die Schwächung des US-Dollars. Alles andere sind Instrumente, mit denen dieses eine Ziel verfolgt wird.
Instrument Nr. 1: Zoll-Chaos.
Noch am gleichen Tag, an dem der Zollstreit endlich beigelegt sein sollte, sorgen neue Zölle für eine Fortsetzung des Chaos. Halbleiterimporte in die USA werden mit 100% Strafzoll belegt. Ausnahmen gibt es für Apple und andere Chip-Produzenten, die in den USA produzieren oder entsprechend investieren. Bevor die Handelspartner durchatmen können, kündigt Trump auch schon die nächsten Zölle an: Diesmal auf Pharmaprodukte bis zu 250%. Eine Zollentscheidung sorgt für Unruhe am Goldmarkt: Ein-Kilo- und 100-Unzen-Barren, bisher von vielen als zollfrei angesehen, sollen nun mit 39% Zoll belegt werden. Besonders betroffen ist die Schweiz, deren Goldexporte in die USA stark gestiegen sind und nun ins Visier der Handelspolitik geraten.Die Nachricht ließ Gold-Futures in New York auf Rekordhöhen springen, da Händler Engpässe befürchten. Unklar ist, ob es sich um einen Irrtum der Zollbehörde handelt oder ob juristische Schritte folgen. Bis zur Klärung pausieren einige Raffinerien ihre Lieferungen in die USA. Ein Schritt, der die Handelsströme im weltweiten Goldgeschäft erheblich durcheinanderbringen könnte.
Der Nikkei steigt heute um 1,8% an, nachdem die USA zugesichert haben, weitere Zölle nicht mehr auf die bestehenden aufzuschlagen, sondern gesondert zu vereinbaren. Außerdem wurden Zollkürzungen für japanische Autos in Aussicht gestellt. Also wieder einmal eine Kehrtwende zu einem Zeitpunkt, wo der wirtschaftliche Druck aufgrund der negativen Auswirkungen der Zölle zu groß wurde.
Aus diesem Blickwinkel sind auch die von der EU zugesagten Investitionen in die USA, 600 Mrd. USD innerhalb von vier Jahren, nachvollziehbar: Von der Leyen sei gar nicht in der Lage, eine solche Zusage für die europäische Wirtschaft zu tätigen, so die kritischen Stimmen. Donald Trump hätte den Vertrag nicht wasserfest ausgehandelt, so seine Kritiker. Doch gerade das hilft ihm bei seinem Zoll-Chaos. Auch nach dem "Deal" bleibt eine Komponente der Verunsicherung: Wie kann dieses Versprechen eingelöst werden? Wie wird Trump reagieren, wenn sich herausstellt, dass dieser Teil des Deals nicht eingehalten wird?
Die fehlenden Antworten auf diese Fragen unterstützen die Strategie von Stephen Miran, der Verunsicherung und Chaos als Ausgangslage für sein Instrument Nr. 3 (siehe unten) schaffen möchte.
Instrument Nr. 2: Deals, Deals, Deals
Wie Phönix aus der Asche erscheinen die unzähligen Deals, die Donald Trump sodann bilateral schließt, wie eine Erleichterung, wie ein Segen. Es hätte sonst noch schlimmer kommen können, so der Tenor nach jedem Deal.Dabei haben diese Deals nicht den fairen Handel zum Ziel, sondern die konsequente Schwächung des US-Dollars und die Verunsicherung (weiterhin: Chaos) der Handelspartner. Zu diesen Deals zählt auch die Nato-Forderung über 5% jährliche Investitionen in die Verteidigung. Denn auch dies sehen die USA als eigene Benachteiligung an. Die hohen US-Investitionen ins Militär sorgen häufig genug weltweit für Stabilität. Doch es sind Ausgaben, die eigentlich auf die Weltgemeinschaft umgelegt werden müssten, davon ist zumindest Miran überzeugt.
Deutschland, das beispielsweise vor dem Ukraine-Krieg nur noch 1,4% des BIP in die Verteidigung steckte, verwendete die "gesparten" 3,6% für soziale Wohltaten für die Bevölkerung und zeigt mit dem Zeigefinger auf die unerträglichen Zustände in Sachen Armut in den USA. Bei Verhandlungen mit Putin sitzt Europa jedoch nicht einmal mit am Tisch.
Instrument Nr. 3: Mar-a-Lago Accord
Wenn das Zoll-Chaos dann den Welthandel zu stark belastet und die Handelspartner unter den neu aufgebürdeten Lasten wie bspw. den erhöhten Verteidigungsausgaben stöhnen, dann soll Donald Trump nach dem Willen von Stephen Miran die westlichen Länder auf sein Anwesen in Mar-a-Lago einladen und einen "Mar-a-Lago Accord" aushandeln.
Der Begriff "Accord" stammt vom Plaza-Akkord aus dem Jahr 1985, mit dem der US-Dollar geschwächt wurde. Ein ähnlicher Akkord schwebt Stephen Miran nun auch wieder vor, doch bevor dieser in für die USA vorteilhaften Konditionen vereinbart werden kann, müssen die Handelspartner erst einmal einsehen, wie groß der Nachteil tatsächlich ist.
Der Plaza-Akkord war ein Abkommen zwischen den fünf führenden Industrienationen USA, Japan, Deutschland, Frankreich und Großbritannien, das am 22. September 1985 im New Yorker Plaza Hotel geschlossen wurde. Wer einmal in New York ist, der sollte unbedingt im Oak Room des Plaza Hotels, das direkt am Süden des Central Parks steht, ein Getränk einnehmen. Der Raum strahlt die Atmosphäre unzähliger Einzelgespräche der damaligen Verhandlungsteilnehmer aus. Ziel war es, den damals stark überbewerteten US-Dollar gezielt abzuschwächen, um das enorme US-Handelsdefizit zu verringern und die Wettbewerbsfähigkeit der amerikanischen Industrie zu stärken.
Die Finanzminister und Notenbankchefs dieser Länder vereinbarten koordinierte Devisenmarkt-Interventionen: Sie verkauften Dollar und kauften Yen sowie D-Mark, um die Wechselkurse zu verschieben. Das Abkommen wirkte schnell, der US-Dollar verlor in den folgenden zwei Jahren rund 40% gegenüber diesen Währungen.
In der Rückschau gilt der Plaza-Akkord als seltenes Beispiel, wie internationale Zusammenarbeit den Wechselkurs gezielt beeinflussen kann. Allerdings führte die starke Yen-Aufwertung später in Japan zu einer Kredit- und Immobilienblase mit Folgen, die das Land bis heute spürt.
Soweit eine kurze Zusammenfassung dessen, was ich mit Hilfe von ChatGPT über Stephen Miran herausfinden konnte. Wie zur Bestätigung der wichtigen Rolle Mirans nominierte Donald Trump ihn gestern für die Nachfolge des vor einer Woche überraschend ausgestiegenen Notenbankmitglieds Adriana Kugler.
Miran sei nur ein Lückenbüßer, so Trump. Bis Fed-Chef Jay Powell im Mai nächsten Jahres seinen Posten aufgebe, werde es Klarheit über die Nachfolge auf dem Chefsessel geben und Miran werde dann seinen Sitz an den für die Nachfolge nominierten Kollegen abgeben.
Doch Miran ist in meinen Augen mehr als nur ein Lückenbüßer. Es hat eine starke Signalwirkung, dass Trump gerade den Architekten eines schwachen US-Dollars zur Notenbank entsendet, die mit in seinen Augen unbegründet hohem Leitzins den US-Dollar unnötig stärke. Jay Powell hat nun einen Widersacher im Gremium mehr.
Die Finanzmärkte haben sich an das Zoll-Chaos gewöhnt. Gleichzeitig wird mit großer Hoffnung wahrgenommen, dass sich Trump und Putin persönlich treffen wollen. Ein solches Treffen ohne sichtbare Verhandlungserfolge für beide Seiten würde niemals stattfinden, so die Überzeugung am Finanzmarkt. Entsprechend steigen die Aktienmärkte in diesen Tagen kräftig an. Schauen wir mal, wie sich die wichtigsten Indizes im Wochenvergleich entwickelten:
Wochenperformance der wichtigsten Indizes
| INDIZES | 8.8., 15:57 Uhr | Woche Δ | Σ '25 Δ |
| DAX | 24.145 | 3,1% | 21,3% |
| S&P 500 | 6.360 | 2,0% | 7,7% |
| Nikkei | 41.820 | 2,5% | 4,8% |
| Shanghai A | 4.105 | 1,2% | 4,3% |
| Euro/US-Dollar | 1,17 | 0,5% | 11,9% |
| Euro/Yen | 172,29 | 0,9% | 5,9% |
| 10-Jahres-US-Anleihe | 4,28% | 0,07 | -0,23 |
| Umlaufrendite Dt | 2,52% | -0,05 | 0,21 |
| Feinunze Gold | $3.400 | 1,1% | 30,0% |
| Fass Brent Öl | $66,83 | -4,1% | -10,3% |
| Kupfer | $9.685 | 0,6% | 8,7% |
| Baltic Dry Shipping | $2.008 | -0,5% | 101,4% |
| Bitcoin | $116.834 | 2,5% | 24,6% |
Disclaimer: Der Wochenrückblick wurde von Stephan Heibel verfasst, Herausgeber des Heibel-Ticker Börsenbriefes, den Sie unter www.heibel-ticker.de kostenfrei und unverbindlich beziehen können.
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