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Wochenrückblick 8. Dezember - 12. Dezember 2025

Zinssenkung führt zu Umschichtungen, die KI-Aktien belastet ...von Stephan Heibel
Am Mittwochabend senkte US-Fed-Chef Jay Powell den US-Leitzins um 0,25%punkte auf die Spanne 3,5%-3,75%. Entgegen vieler Befürchtungen sanken im Anschluss auch die Zinsen am langen Ende. Dividendentitel, Einzelhändler und konjunktursensible Industrieaktien stiegen an, Technologieaktien traten auf der Stelle. Ich will Ihnen kurz die Logik hinter dieser Reaktion erläutern.

Zunächst einmal kämpft die US-Notenbank gleichzeitig an zwei Fronten: Geldwertstabilität, gemessen durch die Inflation, und Vollbeschäftigung, gemessen an der Arbeitslosenquote. Die EZB hat traditionell nur das eine Ziel der Geldwertstabilität. Die US-Notenbank muss nicht selten einen Spagat zwischen den beiden Zielen bewerkstelligen, da Maßnahmen häufig genug konträr auf die beiden Ziele wirken.

So steigt die Arbeitslosigkeit derzeit an, während die Inflation noch nicht auf dem gewünschten Niveau von 2% liegt. Donald Trump fordert seit Monaten niedrigere Zinsen, um die US-Konjunktur zu stützen und somit dem Arbeitsmarkt zu helfen. Doch die Erinnerung an die hohen Inflationsraten im Jahr 2022 ist noch präsent und Skeptiker fürchten, dass ein zu niedriger Leitzins die Geldflut erneut befördert und somit die Inflation wieder anheizt.

So zögerte Jay Powell sehr lange mit diesem Zinsschritt, der dritten Zinssenkung im laufenden Jahr. Denn, wie oben gesagt, ein zu niedriges Zinsniveau "am kurzen Ende" würde langfristig zu steigenden Inflationsraten führen, was einen steigenden Zins "am langen Ende" zur Folge hätte. Mit kurzem und langem Ende bezeichnet man die Zinskurve, die links die Verzinsung kurzläufiger Anleihen, und rechts die der lang laufenden Anleihen, und dazwischen alle anderen Laufzeiten zeigt. Am kurzen Ende steht also der Zins für Übernacht-Ausleihungen, die von der Notenbank mit dem Leitzins versehen werden. Am langen Ende steht die Rendite von Anleihen mit einer Laufzeit von 30 Jahren.

Die Notenbank kann mit dem Leitzins nur das kurze Ende direkt beeinflussen. Für das lange Ende kann die Notenbank andere Hilfsmittel verwenden, wie beispielsweise das aktive Aufkaufen von lang laufenden Anleihen über den Markt. Dies hat sie am Mittwoch ebenfalls angekündigt und somit sorgt sie eben auch für fallende Zinsen am langen Ende.

Damit heizt sie also durch die Leitzinssenkung die Konjunktur an, was zu einer Erhöhung der Arbeitsplätze führen dürfte, und kümmert sich gleichzeitig um die Sorgen über eine steigende Inflation, indem sie durch Anleihekäufe die Preise für lang laufende Anleihen stabil hält und somit auch steigende Zinsen am langen Ende verhindert.

Für Aktienanleger ist das die beste aller Welten: Die Konjunktur brummt, ohne dass Inflation zu fürchten ist. Da das Zinsniveau sinkt, werden Dividendenaktien attraktiver. Die Dividendenrendite ist der direkte Konkurrent der Anleiherendite. Das Risiko bei Dividendenaktien liegt im Aktienkurs der Dividendenunternehmen. Schwächelt die Konjunktur, so könnte ein Aktienkursverlust die attraktive Dividende aufzehren, oder sogar die Dividendenhöhe in Frage stellen. Vor dem Hintergrund einer gesunden Konjunkturentwicklung, wie wir sie derzeit in den USA sehen, darf man bei vielen Dividendenaktien jedoch davon ausgehen, dass die Dividende stabil bleibt, und dass zusätzlich vielleicht der Aktienkurs sogar noch steigt. Alle unsere fünf Dividendenaktien aus dem Heibel-Ticker Portfolio notieren diese Woche im Plus.

Banken profitieren ebenfalls von dieser Zinssenkung. Ein großer Teil des Bankgeschäfts ist vom Erfolg der Kreditvergabe abhängig. Je schwächer die Konjunktur, desto mehr Unternehmen können ihre Kredite nicht bedienen. Je höher die Arbeitslosigkeit, desto mehr Konsumenten können ihre Kredite nicht abbezahlen. Diese Ausfallquote, auf der die Banken sitzen bleiben, wird also durch die Zinssenkung kleiner. Goldman Sachs legte diese Woche um 9% zu, Visa um 6% und unsere Finanzaktie im Heibel-Ticker Portfolio um 4%.

Schließlich legen auch die Aktien von Unternehmen zu, die stark an den Finanzierungskonditionen ihrer Investitionen hängen. Biotech-Unternehmen Moderna legte diese Woche um 16% zu, Regeneron um 3%. Die Automobilindustrie, die sich hohen Investitionen gegenübersieht, legte diese Woche zu: General Motors +8% und Ford +4%. Naja, und so zieht sich das durch viele Branchen: Der Immobiliensektor profitiert von günstigen Finanzierungskosten, der Einzelhandel von einer steigenden Zahl an Arbeitnehmern, die ihr Gehalt ausgeben können, die Tourismusbranche ebenfalls, ...

Auf der anderen Seite sind Unternehmen, die nicht auf Finanzierungen angewiesen sind. Allen voran die Magnificent Seven, die glorreichen Sieben, die ihre Investitionen aus dem eigenen Cashflow stemmen. So sollten Sie die aktuellen Bewegungen am Aktienmarkt dahingehend interpretieren, dass Anleger ihre Portfoliostruktur dem niedrigeren Zinsniveau anpassen. Wenn im Zuge dessen einige Tech-Giganten hinter dem Markt zurückbleiben, dann ist das nicht automatisch Zeichen dafür, dass deren Geschäft Probleme bereitet. Vielmehr ist es das Resultat von Umschichtungen: Damit Anleger die oben genannten Profiteure der Zinssenkung kaufen können, müssen sie sich irgendwo Bargeld besorgen. Und das holt man sich am einfachsten bei den liquiden Tech-Giganten.

Vor diesem Hintergrund sollten Sie Berichte in der Finanzpresse mit großer Vorsicht genießen. Viele Autoren schauen sich die Kursentwicklung an und folgern aus fallenden Kursen Probleme im Geschäft des Unternehmens. Es ist zu einfach, aus einem Wochenminus von 1% bei Nvidia zu schließen, dass deren KI-GPUs in China nicht gewünscht sind. Es ist zu einfach aus einem Minus von 1% bei Meta zu folgern, dass sich Mark Zuckerberg mit seiner KI-Strategie verhoben hat. Schauen wir lieber mal in die jüngsten Entwicklungen der KI-Revolution.

 

KI-Revolution differenziert betrachtet



Die Einführung von Gemini 3 vor drei Wochen zieht unzählige Meldungen zum Stand der Entwicklungen bei KI-Chips nach sich, die sich teils widersprechen. DeepSeek wurde mit gestohlenen Nvidia-GPUs entwickelt, die über Singapur nach China geschmuggelt wurden. Dies würde bestätigen, dass ohne Nvidia-GPUs kaum ein führendes KI-Modell entwickelt werden kann.

Gestern Abend veröffentlichte Broadcom Quartalszahlen, die über den Erwartungen lagen. Der Ausblick für 2026 wurde angehoben und die Aktie sprang nachbörslich zunächst an. Im Analystencall berichtete CEO Hock Tan, dass jedoch die Gewinnmarge in der zweiten Hälfte 2026 etwas nachlassen könnte, weil verstärkt auf Partner gesetzt würde. Analysten fragten, ob dies bedeute, dass Kunden verstärkt Eigenentwicklungen forcieren würden. Die Frage resultiert aus Gemini 3: Die verwendete KI-TPU basiert auf der Plattform von Broadcom, die KI-XPUs entwickelt. Alphabets Google hat jedoch den TPU entscheidend mitentwickelt. So entscheidend, dass Mark Zuckerberg Interesse an diesem TPU nachgesagt wurde, obwohl Meta eine eigene Kooperation zur Entwicklung von eigenen XPUs mit Broadcom hat.

Die Frage der Analysten deutete in die Richtung, ob Broadcom Kunden wie Alphabet irgendwann in der Lage sein werden, die TPUs alleine zu entwickeln. Hock Tan führte aus, dass dies nicht zu befürchten sei, weil Kunden niemals so nah an den neuesten Entwicklungen sein können wie Broadcom. Ich interpretiere dies so, dass Broadcom die Kunden eher aufgefordert hat, sich in die Entwicklung einzubringen, um die explosiv ansteigende Nachfrage bedienen zu können: Der Umsatz mit KI-XPUs sprang um 76% an.

Nachdem also vor wenigen Tagen noch Broadcom als die nächste Nvidia in die Höhe gejubelt wurde (+14% in 30 Tagen), fürchtet man nun, dass alles, was Broadcom tut, auch von jedem Unternehmen selbst getan werden kann. Lächerlich.

Ein weiterer Wettbewerber machte diese Woche Schlagzeilen: Marvell entwickelt, ähnlich wie Broadcom, ebenfalls kundenindividuelle KI-Chips. Marvell setzt zusätzlich noch auf eine neue Technologie: Nachdem Rechenzentren aus Gründen der Hitzeentwicklung immer weniger mit Kupferkabeln, sondern zunehmend mit Glasfaser verkabelt werden, möchte Marvell nun auch die Hitzeentwicklungen auf den KI-Chips durch den Einsatz der Glasfasertechnologie in den Griff bekommen. Spannend, aber vielleicht noch zu viel Zukunftsmusik. Daher kann Marvell am Erfolgslauf von Nvidia, AMD und Broadcom bislang noch nicht teilhaben.

Nun gibt es auch bei der KI-Revolution schon Bereiche, die zu stark hochgejubelt wurden. Ich blicke seit einigen Wochen skeptisch auf OpenAI. Das Unternehmen hat Rechenzentren im Volumen von 300 Mrd. USD bestellt, doch die Finanzierung dafür steht noch nicht. Oracle möchte die Rechenzentren bauen und verschuldet sich dafür hoch. Nun ist weder gewiss, dass Oracle die Finanzierung der bestellten Rechenzentren stemmen kann, noch, ob OpenAI diese dann überhaupt abnehmen kann.

Auch Oracle veröffentlichte diese Woche Quartalszahlen, doch diese blieben hinter den Erwartungen zurück. Aber das interessiert Anleger derzeit weniger, vielmehr möchten sie wissen, wie es um die Finanzierung der angekündigten Rechenzentren steht. Dazu äußerte sich Chef Larry Ellison nicht. Die Aktie von Oracle brach gestern um 11% ein.

Dabei wäre es ein Leichtes für Larry Ellison gewesen, die Sorgen seiner Anleger zu zerstreuen. Er hätte lediglich sagen müssen, wie genau er die 35 Mrd. USD an Investitionen in KI-Rechenzentren im Jahr 2026 finanzieren möchte. Schon die Finanzierung der 20 Mrd. USD im laufenden Jahr brachte Oracle an seine Grenzen, die Ausgabe von Unternehmensanleihen lief schlecht und führte so zu einem hohen Zins. Doch stattdessen erhöhte Ellison die Investitionsabsicht für 2026 von 35 Mrd. USD auf 50 Mrd. USD. Kein Wort dazu, wie er das Geld auftreiben möchte.

Es würde helfen, wenn OpenAI-CEO Sam Altman Zuversicht ausstrahlen könnte, die bestellten KI-Rechenzentren auch abnehmen zu können. Doch auch er blieb diesbezüglich in einem Interview am gestrigen Donnerstag unverbindlich, bzw. wich der Frage aus.

OpenAI wurde durch Gemini 3 unter Druck gesetzt. So veröffentlichte das Unternehmen wenige Stunden nach dem Interview die Version 5.2 für ChatGPT. Vor zwei Wochen hatte Sam Altman Code Red ausgerufen, Alarmstufe Rot, und stellte alle Aktivitäten des Unternehmens hinter die Entwicklung der nächsten Generation ihres Large Language Models (LLMs) ChatGPT. Die Version 5.2 ist nun also das Ergebnis.

Ebenfalls am Donnerstag gab der Mickey Maus Konzern Disney bekannt, 1 Mrd. USD in OpenAI zu investieren, um die 200 Zeichentrick-Charaktere für KI verfügbar zu machen. Dabei geht es weniger um Bilder, sondern vorzugsweise um die Videoplattform Sora von OpenAI. Sora-Kunden dürfen also künftig die Charaktere von Marvel, Pixar, Star Wars und Walt Disney nutzen. Ich dürfte also für Sie, liebe Heibel-Ticker Mitglieder, ein Interview mit Dagobert Duck führen.

Die Kooperation mit Disney zeigt, dass OpenAI durchaus auch über ChatGPT hinaus Produkte anbietet, die Anklang finden.

So, das war ein kleiner Rundumschlag anlässlich der vielen Ereignisse dieser Woche. Ich hoffe, ich konnte die teils widersprüchlichen Finanzberichte hier ins rechte Licht rücken. im Hintergrund dieser KI-Revolution stehen nach wie vor Unternehmen wie Meta Platforms, Microsoft und Amazon, die ihre gigantischen Investitionen aus dem freien Cashflow finanzieren und somit nach wie vor jeden produzierten KI-Chip und jedes gebaute KI-Rechenzentrum benötigen und sich leisten können.

Oder anders ausgedrückt: Wir nehmen aus der folgenden Aussage vorsichtshalber mal Oracle (und Softbank und Adobe) aus. Wenn die Zinssenkung zu Aktienmarktumschichtungen führt, unter der Aktienkurse unserer KI-Unternehmen leiden, dann stellt das nach wie vor eine Kaufgelegenheit dar.
 

Wochenperformance der wichtigsten Indizes



 
INDIZES 12.12., 18:59 Uhr Woche Δ Σ '25 Δ
DAX 24.186  0,7% 21,5%
S&P 500 6.835  -0,4% 15,7%
Nikkei 50.837  0,7% 27,4%
Shanghai A  4.581  -0,1% 16,4%
Euro/US-Dollar 1,17 0,9% 12,8%
Euro/Yen 183,02 1,2% 12,5%
10-Jahres-US-Anleihe 4,19% 0,05 -0,32
Umlaufrendite Dt 2,80% 0,09 0,49
Feinunze Gold $4.298  2,0% 64,3%
Fass Brent Öl $61,33  -4,0% -17,7%
Kupfer $11.872  3,7% 33,2%
Baltic Dry Shipping $2.294  -18,5% 130,1%
Bitcoin $90.053  1,0% -4,0%


Disclaimer: Der Wochenrückblick wurde von Stephan Heibel verfasst, Herausgeber des Heibel-Ticker Börsenbriefes, den Sie unter www.heibel-ticker.de kostenfrei und unverbindlich beziehen können.

Wer un- oder überpersönliche Schreib- oder Redeweisen nachmacht oder verfälscht oder nachgemachte oder verfälschte un- oder überpersönliche Schreib- oder Redeweisen in Umlauf setzt, wird mit Lust-, manchmal auch mit Erkenntnisgewinn belohnt; und wenn alles gut geht, fällt davon sogar etwas für Sie ab. (frei nach Robert Gernhardt) Wir recherchieren sorgfältig und richten uns selber nach unseren Anlageideen. Für unsere eigenen Transaktionen befolgen wir Compliance Regeln, die auf unsere eigene Initiative von der BaFin abgesegnet wurden. Dennoch müssen wir jegliche Regressansprüche ausschließen, die aus der Verwendung der Inhalte des Heibel-Tickers entstehen könnten. Die Inhalte des Heibel-Tickers spiegeln unsere Meinung wider. Sie stellen keine Beratung, schon gar keine Anlageempfehlungen dar. Die Börse ist ein komplexes Gebilde mit eigenen Regeln. Anlageentscheidungen sollten nur von Anlegern mit entsprechenden Kenntnissen und Erfahrungen vorgenommen werden. Anleger, die kein tiefgreifendes Know-how über die Börse besitzen, sollten unbedingt vor einer Anlageentscheidung die eigene Hausbank oder einen Vermögensverwalter konsultieren. Die Verwendung der Inhalte dieses Wochenrückblicks erfolgt auf eigene Gefahr. Die Geldanlage an der Börse beinhaltet das Risiko enormer Verluste bis hin zum Totalverlust des eingesetzten Kapitals.

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